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Nicht noch ein Battleground: Wieso mir KI nicht mehr egal sein kann.

War man überhaupt auf der re:publica, wenn es davon keine Fotos gibt? 


Trotz der fehlenden Fotobeweise habe ich in den letzten Tagen auf dem wohl bekanntesten Festival für digitale Gesellschaft so viel mitgenommen, dass es sicher noch Wochen dauern wird bis ich meine Gedanken einigermaßen sortiert habe. Und trotzdem brennt mit ein Gedanke so sehr auf den Gehirnwindungen, dass ich es hier ausformulieren will. Es geht, wie soll es anders sein um KI.


Ich würde den Servern auf denen unsere Daten ununterbrochen ausgewertet, auf denen KIs trainiert und Algorithmen berechnet werden, am liebsten sofort den Stecker ziehen. Das meine ich auch nicht symbolisch und es ist natürlich eine sehr emotionale und irrationale Reaktion. Ich halte es für gesellschaftlich, klima- und umwelttechnisch und menschlich die einzig richtige Lösung. Und auch wenn sich dieses Gefühl bei mir mit der re:publica 24 nicht aufgelöst hat, weiß ich jetzt eines: wir haben die Büchse der Pandora geöffnet und wenn wir jetzt nicht darauf schauen, wie es mit der KI weitergeht, dann ist das der falsche Weg. 


Ich habe letztes Jahr, in einem ziemlich unsinnigen Versuch mich selbst von der zermürbenden Welt des Online-Content, der Algorithmen und der Bedrohung meines Lebensunterhalt durch KI als (Kunst)schaffenden zu entziehen, angefangen kleine Figuren aus Ton zu bauen. Mit den Händen arbeiten, mit echtem Material - die nostalgische Romantik von Handarbeit, wie wir sie vor allem in der privilegierten, westlichen Hemisphäre leben. Mein Rückzug aus dem digitalen Raum als “Creatorin” ist dabei nur ein weiteres Symptom einer müden aber privilegierten Mittelschicht. Social Media Detox und der Rückzug aus digitalen Räumen für unsere mentale Gesundheit sind, genauso wie Yoga Retreats auf Bali, wieder mal der einfachste Weg sich aus einer Misere zu ziehen, die wir selbst zu verantworten haben. Das Internet ist mittlerweile ein Raum der dominiert wird von rechter Rhetorik. Die großen Plattformen der digitalen Zeit werden kontrolliert von ca. fünf reichen, weißen Männern - als User:innen bleibt uns kaum eine Option auf Mitsprache oder Einfluss und wir versuchen jetzt mit aller Kraft diese Räume zurück zu erobern. Weil wir als “Linke” uns viel zu oft aus diesen Räumen zurück gezogen haben. Der Trugschluss, dass die jüngeren Generationen als “digital natives” sowieso verstehen wie man mit so viel Information, Content und Inhalten umzugehen hat, hält sich bis heute. Wenn wir nicht verstehen, wie wir mit rechten Trollfabriken klar kommen können, denen wir gute 10 Jahre hinten nach hinken, wie sollen das 14-Jährige schaffen? 


Wenn wir bei der Einführung der generativen KI die Vorreiter-Rolle wieder denselben Tech-Giganten überlassen, die ihre MLMs und Bild-KIs mit ihrem eurozentrischen, kolonialistischen, kapitalistischen, patriarchalen und straight up rassistischen Weltbild füttern, dann ist der Kampf schon verloren. Wir brauchen eine KI, die unabhängig von Profit funktioniert, bei der die Reproduktion von gefährlichen Machtstrukturen und Stereotypen aktiv verhindert wird. Es braucht also Vorreiter:innen, die sich nicht einschüchtern lassen vor dieser großen Aufgabe. Eine unabhängige Open Source KI, die kontrolliert wird von vielen, bei denen die wortwörtliche Drecksarbeit der Qualitätskontrolle nicht wieder in den globalen Süden und zu den Ärmsten der Armen ausgelagert wird - sondern die institutionalisiert wird im Interesse der gesamten Bevölkerung. Der digitale Raum und die KI sind für die Menschen auf der linken Seite des Politikspektrums noch gar kein Thema, während es die rechte, autokratische und demokratiegefährdende Seite schon vollkommen für sich beanspruchen will. Wir müssen diese Entwicklung als Teil einer Revolution sehen, die wir mit gestalten wollen - weil sie kommen wird ob wir das wollen oder nicht. KI im speziellen und digitale Räume im allgemeinen dürfen keine Spielwiese für Rechte bleiben und noch ein weiterer Bereich, in denen ein paar wenige besonders viel Kapital anhäufen können. Rückzug ist keine Option. 


Es fühlt sich nicht fair an, dass wir noch einen Battleground dazu bekommen. Neben der Klimakrise, dem Wachstum der Rechten, Kriegen, Missinformationen, patriarchaler Gewalt und und und  – jetzt auch noch der digitale Raum. Das empfinde ich genauso. Es fühlt sich nicht fair an, dass man sich so viel kümmern muss. Deswegen ist mir eines wichtig: wir schaffen das nicht alleine. Der Spruch “bildet Banden” den sich Linke so gerne auf die Fahnen schreiben, soll kein leerer Spruch sein. Sucht euch eure Battlegrounds und unterstützt andere, die dort für Gerechtigkeit kämpfen, wo ihr es selbst nicht könnt und schließt euch zusammen. Gemeinsam hinzuschauen, zu kritisieren, aber auch zu gestalten und neue Wege zu erschließen ist essentiell. Und ab und zu doch den digitalen Raum zu verlassen und kleine Tonfiguren zu bauen schadet auch nicht. ;) 


P.S.: ich habe kurz überlegt den Text durch ChatGPT zu jagen, alle Tipp-, Ausdrucks- und Kommafehler ausradieren zu lassen, aber ich lass das jetzt so stehen, irgendwie wird sich ein großer Tech-Konzern den Text auch ohne meine Mithilfe einverleiben. 



Der beste Talk der re:publica 2024? "Decolonize Tech" von Christoph Hassler und "KI wird uns alle retten, außer sie tut es nicht" von AlgorithmWatch.




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1 Comment


elisabeth.hakel
May 31

Sehr, sehr guter Text! Danke, Lisa :)

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